Reproduktion und Care als kollektive Aufgaben

Interview

Ein GESPRÄCH mit Sophie Bauer, Kuratorin des Festivals „Reproductive Futures: feministische Visionen für gerechte Sorge“ und Amina Nolte, kommissarische Leitung und Referentin für reproduktive Gerechtigkeit am Gunda-Werner-Institut in der Heinrich Böll Stiftung.

Eine junge weisse Person mit platinblondem Bob lächelt in die Kamera. Sie ist schlank, trägt schwarz und ist zwischen 25 und 35 Jahre alt.

Das Festival Reproductive Futures hat Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen Künstler*innen und Praktiker*innen zusammengebracht, um über feministische Visionen von Sorge und Reproduktion nachzudenken. Warum braucht es aus Eurer Sicht so eine Veranstaltung gerade jetzt?

Sophie Bauer: Wir erleben seit einiger Zeit massive gesellschaftliche Verschiebungen: Autoritäre und antidemokratische Tendenzen nehmen weltweit zu, demokratische und egalitäre Strukturen können nicht mehr als selbstverständlich erachtet werden. Dabei lässt sich beobachten, dass Angriffe auf reproduktive und sexuelle Rechte und Antifeminismus ein verbindendes Element solcher antidemokratischen Bewegungen und ein Scharnier in die Mitte der Gesellschaft sind- man denke etwa an die Diffamierung geschlechtergerechter Sprache als „Gender-Gaga“. Fragen von Sorgearbeit, Familie und Reproduktion sind also hochpolitisch, werden aber oft privatisiert und in ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz unterschätzt. Das Festival „Reproductive Futures“ hat genau hier angesetzt. Es ging uns darum, reproduktive Selbstbestimmung und Care eben nicht als individuelle Angelegenheit zu betrachten, sondern als gesellschaftliche Phänomene und kollektive Aufgaben im Spiegel der Zeit.

Es ging uns darum, reproduktive Selbstbestimmung und Care eben nicht als individuelle Angelegenheit zu betrachten, sondern als gesellschaftliche Phänomene und kollektive Aufgaben im Spiegel der Zeit.

Amina Nolte: Ja genau, es ging darum, auch Reproduktion als Begriff weit zu fassen: Reproduktion umfasst weit mehr als körperliche oder biologische Fortpflanzung. Gerade heute stellt sich die Frage, was Reproduktion gesellschaftlich bedeutet, wofür sie instrumentalisiert wird - etwa für rechte Vorstellungen von „Familie“, „Gemeinschaft“ oder „Volk“ - und wer dabei mitgedacht oder ausgeschlossen wird. Auch historisch war Reproduktion in Deutschland stets umkämpft, selektiv und von Ausschlussprozessen geprägt: Rassifizierte, behinderte und arme Menschen wurden und werden häufig nicht mitgedacht oder sogar aktiv an Reproduktion gehindert. Ideologien der Ungleichwertigkeit sind nie verschwunden, sondern treten gesellschaftlich wieder deutlicher hervor, etwa in politischen Programmen. Zugleich werden Menschen oft vor allem nach ihrem produktiven Wert gemessen - reduziert auf Arbeitszeit und Einkommen -, während reproduktive Arbeit und Sorgearbeit unsichtbar bleiben. Das ist gefährlich, denn die Sorge füreinander sollte unsere Gesellschaft tragen: Sie muss anerkannt, abgesichert und für alle Menschen möglich sein.

Und im Begriff der Sorge liegt für mich eine gewisse doppelte Bedeutung: die Sorge füreinander - und die Sorge um unsere gemeinsame Zukunft, um die Frage, wohin sich Gesellschaft und Politik bewegen. Wir leben in zunehmend autoritären Zeiten, in denen die Räume für kritische zivilgesellschaftliche Arbeit und freie Meinungsäußerung schrumpfen und solidarische, feministische Initiativen immer weniger Unterstützung erfahren. Zugleich zieht sich der Staat zunehmend aus seiner Verantwortung für die Daseinsfürsorge zurück - und zwar nicht nur gegenüber Bürger*innen, sondern gegenüber allen Menschen, die hier leben. Denn viele von ihnen besitzen keine Staatsbürgerschaft, sorgen jedoch hier füreinander und tragen Verantwortung - auch für Familien und Freund*innen über Ländergrenzen hinweg. Während politische Entscheidungsträger*innen Grenzen schließen und Abschottung vorantreiben und u.a. Kriege gegen Menschen in Iran, Libanon und Gaza unterstützen, sorgen Menschen hier in Deutschland sich um ihre Familien und Freund*innen dort. Doch diese Sorge wird hier sehr wenig wahrgenommen und gehört. Diese Ignoranz sorgt mich und macht mich wütend.

Die Idee des Festivals war, Reproduktion und Sorge aus feministischer Perspektive zusammenzudenken und dabei möglichst vielen Menschen und Perspektiven Raum zu geben. Es gab Panels zu aktuellen Formen von Bevölkerungspolitik, zu Sorgeräumen in Berlin, eine Lesung zu verschiedenen Perspektiven von Menschen, die Sorge tragen und ein Abschlusspanel, das auch die Frage nach der Zukunft nochmal in den Fokus gerückt hat.

Ja stimmt, der Festival- Titel spricht von „reproduktiven Zukünften“ - bewusst im Plural. Was steckt da an Überlegungen dahinter?

Sophie Bauer: Der Plural ist uns sehr wichtig. Es gibt nicht die eine reproduktive oder feministische Zukunft. Menschen leben in sehr unterschiedlichen sozialen, rechtlichen und ökonomischen Realitäten, Körpern, Familienformen. Reproduktive Möglichkeiten sind geprägt von Klasse, Rassismus, Geschlecht, Behinderung oder Aufenthaltsstatus. Dementsprechend kann es auch nicht die eine Zukunftsvision oder gar Utopie geben. Mit dem Titel wollten wir diese Vielfalt ernst nehmen.

Amina Nolte: Ja, Zukunft und Zukünfte werden ja von der Gegenwart aus gedacht- und auch gestaltet, wie eben auch das Festival.  Der Titel „Reproduktive Zukünfte“ verweist für mich auf die grundlegende Einsicht, die sich auch während des Festivals immer wieder gezeigt hat: Reproduktion findet statt. Sie geht allem voraus. Sie entzieht sich zunächst der Regulation (ein Ausdruck, den ich von Marie Fröhlich so gehört und übernommen habe, Danke an dieser Stelle). Reproduktion geschieht im Hier und Jetzt, Menschen finden Wege, sich um- und füreinander zu sorgen, trotz widriger Bedingungen. Und da trifft genau das zu, was Sophie sagt: Zukünfte müssen wir im Plural denken, ausgehend von denen, die daran beteiligt sind. Und immer mit der Frage: wie wollen Menschen leben, sorgen und Zukunft gestalten?

Gleichzeitig - und das ist historisch keineswegs neu, wird aber durch autoritäre und technokratisch denkende und agierende Akteur*innen immer wieder versucht, die Zukunft der Reproduktion zu steuern- um damit bevölkerungspolitisch in Reproduktion einzugreifen, Regulation also der Reproduktion voranzustellen:  Weltweit erleben wir wir massive Versuche, Reproduktion zu regulieren und zu begrenzen. Im wörtlichen Sinne, etwa durch eine verschärfte Asylpolitik, die darüber entscheidet, wer bleiben, wer leben, wer Familie gründen darf. Aber auch ganz konkret in der Art und Weise, wie z.B. Verhütung ermöglicht und finanziert, wie Abtreibung weiterhin kriminalisiert wird und auch, wie z.B. Inobhutnahmen von Jugendämtern stattfinden, wem Kinder zugedacht werden und wem sie abgenommen werden. Bevölkerungspolitik zielt immer darauf, zu bestimmen, welche Leben erwünscht sind und welche nicht. Wie auch Susanne Schultz und auch alle anderen beim Abschlusspanel beim Festival eindrücklich gezeigt haben, ist der Versuch, Reproduktion zu regulieren stets von rassistischen, ableistischen und klassistischen Ausschlüssen geprägt.

Gemessen an der Bestandsaufnahme in der Gegenwart, war unser Abschlusspanel zu reproduktiven Zukünften entsprechend düster. Wir haben über Gewalt gesprochen - darüber, wie strukturelle Gewalt wirkt und wie insbesondere FLINTA*-Personen, die Gewalt erfahren haben, durch staatliche Institutionen häufig weitere Gewalt erleben. Wir haben über den mangelnden Schutz von Kindern und die fehlende Absicherung für Sorgeverantwortliche gesprochen. Und wir haben darüber gesprochen, wie die gegenwärtige Kriegstreiberei Deutschlands auch innenpolitisch wirksam wird – in einem gesellschaftlichen „Drang nach Härte“, wie ihn Eva Redecker in ihrem neuen Buch beschreibt.

Ihr bezieht euch auch auf feministische Debatten der 1980er Jahre zu Gen- und Reproduktionstechnologien. Warum dieser historische Rückblick?

Sophie Bauer: Weil viele Fragen, die heute als neu erscheinen, eine lange feministische Geschichte haben. Schon in den 1980er Jahren wurde sehr differenziert über die Auswirkungen von Reproduktionstechnologien, medizinische Machtverhältnisse und Selbstbestimmung diskutiert. Diese Kämpfe sichtbar zu machen heißt auch, heutige Debatten zu kontextualisieren und von früheren Analysen und Strategien zu lernen – ohne sie einfach zu wiederholen. Die technologischen, politischen und ökonomischen Bedingungen haben sich verändert, aber viele Grundfragen sind geblieben.

Amina Nolte: Reproduktionstechnologien expandieren derzeit rasant - und sie sind eng verwoben mit den vorherrschenden gesellschaftlichen und politischen Projekten unserer Zeit. Was technisch möglich ist, erscheint schnell als Fortschritt. Doch aus feministischer Perspektive müssen wir diese Entwicklungen kritisch und aufmerksam begleiten. Technik ist niemals neutral; sie ist eingebettet in Macht- und Ohnmachtverhältnisse. Schon in den 1980er Jahren wurde auf feministischen Kongressen darum gerungen, Selbstbestimmung nicht im liberalen Sinne eines bloßen ‚anything goes‘ zu verstehen, sondern als etwas, das strukturell bedingt ist: Wer hat tatsächlich Wahlmöglichkeiten? Wer trägt die Risiken? Wer profitiert  und wer zahlt den Preis? Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir aus einer feministischen Perspektive diejenigen würdigen, auf deren Schultern wir stehen. Feministische Bewegungen bauen aufeinander auf. Sie haben Kämpfe geführt, Wissen erarbeitet, Begriffe geprägt und Analysen entwickelt, die wir heute weiterdenken. Unsere Auseinandersetzungen mit Reproduktionstechnologien, Bevölkerungspolitik und Sorgearbeit sind nicht neu - sie sind Teil einer langen, widerständigen Geschichte. So zu tun, als begännen diese Debatten erst jetzt, würde diese Geschichte ausblenden. Reproduktive Zukünfte lassen sich nur kritisch gestalten, wenn wir die Kontinuitäten erkennen - und die feministischen Erkenntnisse ernst nehmen, die uns vorausgegangen sind.

Das Programm ist in die drei Schwerpunkte Körper, Zeit und Raum gegliedert. Warum diese Struktur?

Sophie Bauer: Es war ein langer Prozess, bis wir zu dieser Struktur gelangt sind. Am Anfang haben wir erstmal alle Themen und Perspektiven gesammelt, die wir gerne vertreten gehabt hätten und mussten feststellen: Das kriegen wir niemals in einem Wochenende unter. Wir sind schließlich auf Körper, Raum und Zeit gekommen, weil diese drei Dimensionen sich durch alle Themen durchziehen und die gesellschaftlichen Bedingungen abbilden, die die (Un-)Möglichkeiten von Reproduktion strukturieren.

Der Körper steht am Anfang, weil Reproduktion immer verkörpert ist. Körper tragen, fühlen, entscheiden – und sie werden reguliert, kontrolliert oder eingeschränkt. 

Der Körper steht am Anfang, weil Reproduktion immer verkörpert ist. Körper tragen, fühlen, entscheiden – und sie werden reguliert, kontrolliert oder eingeschränkt. Gleichzeitig leisten sie Sorgearbeit, die häufig unsichtbar bleibt. Fragen rund um reproduktive Rechte, Abtreibung oder nationale Bevölkerungspolitiken zeigen sehr deutlich, wie politisch Körper sind. Mit diesem Schwerpunkt wollten wir diese materielle und erfahrbare Dimension ins Zentrum rücken. Der Raum ist die zweite zentrale Ebene. Reproduktion und Care finden nie im luftleeren Raum statt. Sie brauchen konkrete Orte – Wohnungen, Beratungsstellen, Gesundheitsräume, kulturelle Räume - ebenso wie abstrakte Räume des Denkens, Imaginierens und der Selbstorganisation. Viele dieser Räume stehen aktuell unter Druck, etwa durch Kürzungen im sozialen und kulturellen Bereich. Wenn solche Räume verschwinden, wird auch Sorgearbeit prekärer. Deshalb war es uns wichtig, diese räumliche Dimension mitzudenken. Die Zeit schließlich verweist auf die oft übersehene Rhythmik von Reproduktion. Warten, Hoffen, Wiederholen - Sorgearbeit ist zeitintensiv, schwer planbar und widerspricht häufig der Logik von Beschleunigung und ständiger Verfügbarkeit, die unsere Gegenwart prägt. Mit diesem Schwerpunkt wollten wir die Frage stellen, welche Zeitlichkeiten Reproduktion hervorbringt – und in welchen gesellschaftlichen Zeiten wir eigentlich leben.

Amina Nolte: Ja - was Sophie sagt! Für mich ist Reproduktion nur in diesem Dreiklang von Körper, Raum und Zeit denkbar. Das klingt erstmal abstrakt, wird aber konkreter, wenn wir es uns genauer anschauen:  Körperliche Prozesse brauchen Zeit. Sie brauchen sichere Räume, in denen sie stattfinden können - Schwangerschaften, Schwangerschaftsabbrüche, Geburten, stille Geburten, Kinderwünsche, Elternschaft, ebenso wie die mentale und körperliche Sorge um Familie, Freund*innen und nahestehende Menschen. Reproduktion ist nie abstrakt. Sie ist verkörpert, räumlich situiert und zeitlich gebunden. Und doch fehlt es strukturell genau daran: an Raum, an Zeit, an Geld. Diese Gleichzeitigkeit wurde in den Panels des Festivals immer wieder sichtbar. Während politische und ökonomische Logiken Beschleunigung, Effizienz und Verwertbarkeit fordern, benötigen reproduktive Prozesse Verlässlichkeit, Schutz und Dauer- und Menschen, die Verantwortung übernehmen und „Sorge tragen“- im wahrsten Sinne des Wortes!

Gerade diese Spannung halte ich für zentral: Es mangelt an struktureller Absicherung - und gleichzeitig organisieren sich Menschen. Sie vernetzen sich, unterstützen sich, sorgen füreinander. Sie schaffen Räume, wo keine vorgesehen sind. Sie nehmen sich Zeit, wo sie ihnen verweigert wird. Reproduktion findet statt - nicht weil die Bedingungen ideal wären, sondern weil Menschen Sorge tragen und sich Räume dafür erkämpfen. Und dem wollten wir mit dem Festival Sichtbarkeit verschaffen und auch die Möglichkeiten für Austausch und Vernetzung fördern. Wenn ich so an die positiven Rückmeldungen zum Festival denke, dann ist das auf jeden Fall gelungen!

Ein zentrales Stichwort ist reproduktive Gerechtigkeit. Was bedeutet das für euch konkret?

Sophie Bauer: Reproduktive Gerechtigkeit geht über bloße reproduktive Rechte oder die Idee individueller Selbstbestimmung hinaus. Es ist ein Konzept, dass ursprünglich in den USA von Schwarzen Feminist*innen entwickelt wurde und unweigerlich mit Kämpfen um soziale Gerechtigkeit verbunden ist. Es geht um die Möglichkeit, Kinder zu bekommen oder nicht zu bekommen, sie in Sicherheit und Würde großzuziehen und Reproduktion unter gerechten Bedingungen ausgestalten zu können. Das schließt zum Beispiel ökonomische Absicherung, Zugang zu Gesundheitsversorgung, Schutz vor Diskriminierung und Gewalt sowie sichere und gerechte Infrastrukturen mit ein. Besonders wichtig ist dabei eine intersektionale Perspektive, die Mehrfachmarginalisierungen sichtbar macht.

Das in den deutschen Kontext zu übertragen, ist eine aktuelle und fortlaufende Aufgabe. Für uns war aber eben wichtig zu betonen, dass es bei feministischen Visionen um Reproduktion und Sorge um weit mehr als individuelle Ausgestaltungsmöglichkeiten für ohnehin schon Privilegierte gehen muss. Deswegen reicht es auch nicht, etwa Fragen rund um Kinderwunsch und assistierte Reproduktion rein auf der rechtlichen Ebene zu betrachten. Man muss auch fragen: Wer kann solche Möglichkeiten überhaupt nutzen, wer hat beispielsweise überhaupt die finanziellen Möglichkeiten? Wem nützen die Legalisierung und Verbreitung solcher Technologien, und wem schaden sie? Und was für Normen und Werte von Familie werden so gefestigt?

Amina Nolte: Reproduktive Gerechtigkeit ist gefühlt gerade ein ziemlicher „Trend“-Begriff in Deutschland - und zugleich habe ich den Eindruck, dass sich viele kaum mit den historischen Ursprüngen davon beschäftigen. Häufig wird sie als „Konzept“ beschrieben oder rein akademisch bearbeitet. Aber reproduktive Gerechtigkeit ist kein abstraktes Theorieangebot, sondern hat sich aus konkreten politischen Kämpfen von Schwarzen Frauen in den USA entwickelt. Ein Kampf, der körperliche Selbstbestimmung untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit und intersektionalen Perspektiven zusammengedacht hat. Dabei geht es eben gerade nicht nur darum, formal über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen. Es geht darum, unter Bedingungen zu leben, in denen dieser Körper überhaupt sein dürfen - ohne Abwertung, ohne Unsichtbarmachung oder gar aktive und gewaltvolle Verhinderung von eigenen Existenz und Lebensweisen.  Reproduktive Gerechtigkeit fragt nach den strukturellen Voraussetzungen von Selbstbestimmung: Habe ich Zugang zu Gesundheitsversorgung? Habe ich ökonomische Sicherheit? Habe ich Schutz vor Gewalt? Habe ich das Recht, Kinder zu bekommen - oder keine zu bekommen - und sie unter würdigen Bedingungen großzuziehen? Und habe ich auch das Recht, diese Rechten geltend zu machen- selbst wenn ich keine oder wenige Mittel habe?

Für viele Menschen ist die Erfahrung dieser strukturellen Verhinderung ihrer Lebensweisen und Familien keine abstrakte Debatte, sondern Realität: für Menschen mit Behinderung, für Menschen mit Migrationsgeschichte, für arme Menschen, für Trans*Personen. Ihre Lebensweisen werden offen in Frage gestellt, sie erfahren Abwertung, werden unsichtbar gemacht und gewaltvolle Strukturen werden staatlich reproduziert und verstärkt.

Ganz besonders wichtig ist mir dabei: Diese Fragen werden seit Langem diskutiert - auch in Deutschland. Das Netzwerk Reproduktive Gerechtigkeit (https://reproduktive-gerechtigkeit.de) versammelt Menschen aus unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Initiativen, die sich seit Jahren mit diesen Themen auseinandersetzen. Auch die Broschüre „Reproduktive Gerechtigkeit“ (https://reproduktive-gerechtigkeit.de/broschuere) macht deutlich, dass es hier um konkrete politische Kämpfe geht. Diese Kämpfe sind keine abstrakten und sie gehören nicht (nur) an Universitäten. Reproduktive Gerechtigkeit wird täglich eingefordert und erkämpft: in Kreißsälen und Krankenhäusern, in Ämtern, Schulen und Jugendämtern, in Familienberatungsstellen, in Unterkünften für Geflüchtete - und in den vielen kleinen widerständigen Praktiken, die sich gegen Gewalt, Abschottung und Vereinzelung auflehnen.

Reproduktive Gerechtigkeit erinnert uns daran, dass der Ruf nach Selbstbestimmung ohne materielle, soziale und politische Absicherung leer bleibt. Sie ist daher für mich kein Trendbegriff mit dem man Politikberatung betreiben kann -sondern ist eine fortwährende Auseinandersetzung darum, wessen Leben zählt, wessen Körper geschützt werden und unter welchen Bedingungen Zukunft möglich ist. Und reproduktive Gerechtigkeit erfordert Widerständigkeit gegen die existierenden Verhältnisse- gerade von jenen, die darin privilegiert sind. Zumindest sehe ich das als einen wichtigen Auftrag, auch für die Frage danach, was reproduktive Gerechtigkeit in Deutschland bedeuten kann.

Neben Panels und Workshops legt ihr großen Wert auf Vernetzungsformate. Warum?

Sophie Bauer: Weil politische Veränderungen nicht nur durch Debatten, sondern auch durch Beziehungen entstehen. Viele Menschen, die sich mit Reproduktion und Care beschäftigen – Eltern, Pflegende, Aktivist*innen –, sind oft isoliert oder überlastet. Reproductive Futures sollte ein Ort sein, an dem Austausch, gegenseitige Unterstützung und neue Allianzen möglich werden. 

Viele Menschen, die sich mit Reproduktion und Care beschäftigen – Eltern, Pflegende, Aktivist*innen –, sind oft isoliert oder überlastet. 

Was wünscht du dir, dass die Teilnehmenden vom Festival mitnehmen?

Sophie Bauer: Idealerweise gehen die Menschen mit neuen Perspektiven, konkreten Kontakten und dem Gefühl nach Hause, nicht allein zu sein. Reproduktive Zukünfte lassen sich nicht individuell „lösen“ – sie müssen gemeinsam erkämpft und gestaltet werden. Wenn „Reproductive Futures“ dazu beiträgt, Vorstellungskraft und Mut zu stärken und vielleicht auch den ein oder anderen konkreten Ansatzpunkt präsentieren konnte, dann hat das Projekt viel erreicht.

Amina Nolte: Mich haben Menschen gefragt, ob wir nicht jedes Jahr ein solches Festival organisieren können. Mitten im politischen Backlash haben wir es geschafft, einen Ort zu schaffen, der Austausch, Vernetzung und Sorge in den Mittelpunkt gerückt hat. Es war spürbar, wie gut die Stimmung war und wie gerne die Menschen miteinander in Kontakt und ins Gespräch gegangen sind. Es sind neue Kooperationen entstanden, neue Ideen für weitere Zusammenarbeiten und viele sind nachhause gegangen mit neuen Fragen, Ideen und Entwürfen rund um das Thema Reproduktion und Zukunft. Das bedeutet mir viel, dass das passiert ist und natürlich wünsche ich mir, dass wir jedes Jahr ein solches Festival realisieren können- nur Zeit und Mittel lassen das vermutlich nicht zu- aber wir werden sehen!