Ein GESPRÄCH mit Sophie Bauer, Kuratorin des Festivals „Reproductive Futures: feministische Visionen für gerechte Sorge“ und Amina Nolte, Referentin für reproduktive Gerechtigkeit am Gunda-Werner-Institut in der Heinrich Böll Stiftung.
Das Festival Reproductive Futures hat Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen Künstler*innen und Praktiker*innen zusammengebracht, um über feministische Visionen von Sorge und Reproduktion nachzudenken. Warum braucht es so eine Veranstaltung gerade jetzt?
Sophie Bauer: Wir erleben seit einiger Zeit massive gesellschaftliche Verschiebungen: Autoritäre und antidemokratische Tendenzen nehmen weltweit zu, demokratische und egalitäre Strukturen können nicht mehr als selbstverständlich erachtet werden. Dabei lässt sich beobachten, dass Angriffe auf reproduktive und sexuelle Rechte und Antifeminismus ein verbindendes Element solcher antidemokratischen Bewegungen und ein Scharnier in die Mitte der Gesellschaft sind- man denke etwa an die Diffamierung geschlechtergerechter Sprache als „Gender-Gaga“. Fragen von Sorgearbeit, Familie und Reproduktion sind also hochpolitisch, werden aber oft privatisiert und in ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz unterschätzt. Reproductive Futures hat genau hier angesetzt.
Es ging uns darum, reproduktive Selbstbestimmung und Care eben nicht als individuelle Angelegenheit zu betrachten, sondern als gesellschaftliche Phänomene und kollektive Aufgaben im Spiegel der Zeit.
Der Titel spricht von „reproduktiven Zukünften“ – bewusst im Plural. Was steckt dahinter?
Sophie Bauer: Der Plural ist uns sehr wichtig. Es gibt nicht die eine reproduktive oder feministische Zukunft. Menschen leben in sehr unterschiedlichen sozialen, rechtlichen und ökonomischen Realitäten, Körpern, Familienformen. Reproduktive Möglichkeiten sind geprägt von Klasse, Rassismus, Geschlecht, Behinderung oder Aufenthaltsstatus. Dementsprechend kann es auch nicht die eine Zukunftsvision oder gar Utopie geben. Mit dem Titel wollten wir diese Vielfalt ernst nehmen.
Ihr bezieht euch auch auf feministische Debatten der 1980er Jahre zu Gen- und Reproduktionstechnologien. Warum dieser historische Rückblick?
Weil viele Fragen, die heute als neu erscheinen, eine lange feministische Geschichte haben. Schon in den 1980er Jahren wurde sehr differenziert über die Auswirkungen von Reproduktionstechnologien, medizinische Machtverhältnisse und Selbstbestimmung diskutiert. Diese Kämpfe sichtbar zu machen heißt auch, heutige Debatten zu kontextualisieren und von früheren Analysen und Strategien zu lernen – ohne sie einfach zu wiederholen. Die technologischen, politischen und ökonomischen Bedingungen haben sich verändert, aber viele Grundfragen sind geblieben.
Das Programm ist in die drei Schwerpunkte Körper, Zeit und Raum gegliedert. Warum diese Struktur?
Es war ein langer Prozess, bis wir zu dieser Struktur gelangt sind. Am Anfang haben wir erstmal alle Themen und Perspektiven gesammelt, die wir gerne vertreten gehabt hätten und mussten feststellen: Das kriegen wir niemals in einem Wochenende unter. Wir sind schließlich auf Körper, Raum und Zeit gekommen, weil diese drei Dimensionen sich durch alle Themen durchziehen und die gesellschaftlichen Bedingungen abbilden, die die (Un-)Möglichkeiten von Reproduktion strukturieren.
Der Körper steht am Anfang, weil Reproduktion immer verkörpert ist. Körper tragen, fühlen, entscheiden – und sie werden reguliert, kontrolliert oder eingeschränkt.
Gleichzeitig leisten sie Sorgearbeit, die häufig unsichtbar bleibt. Fragen rund um reproduktive Rechte, Abtreibung oder nationale Bevölkerungspolitiken zeigen sehr deutlich, wie politisch Körper sind. Mit diesem Schwerpunkt wollten wir diese materielle und erfahrbare Dimension ins Zentrum rücken. Der Raum ist die zweite zentrale Ebene. Reproduktion und Care finden nie im luftleeren Raum statt. Sie brauchen konkrete Orte – Wohnungen, Beratungsstellen, Gesundheitsräume, kulturelle Räume – ebenso wie abstrakte Räume des Denkens, Imaginierens und der Selbstorganisation. Viele dieser Räume stehen aktuell unter Druck, etwa durch Kürzungen im sozialen und kulturellen Bereich. Wenn solche Räume verschwinden, wird auch Sorgearbeit prekärer. Deshalb war es uns wichtig, diese räumliche Dimension mitzudenken. Die Zeit schließlich verweist auf die oft übersehene Rhythmik von Reproduktion. Warten, Hoffen, Wiederholen – Sorgearbeit ist zeitintensiv, schwer planbar und widerspricht häufig der Logik von Beschleunigung und ständiger Verfügbarkeit, die unsere Gegenwart prägt. Mit diesem Schwerpunkt wollten wir die Frage stellen, welche Zeitlichkeiten Reproduktion hervorbringt – und in welchen gesellschaftlichen Zeiten wir eigentlich leben.
Ein zentrales Stichwort ist reproduktive Gerechtigkeit. Was bedeutet das für euch konkret?
Reproduktive Gerechtigkeit geht über bloße reproduktive Rechte oder die Idee individueller Selbstbestimmung hinaus. Es ist ein Konzept, dass ursprünglich in den USA von Schwarzen Feminist*innen entwickelt wurde und unweigerlich mit Kämpfen um soziale Gerechtigkeit verbunden ist. Es geht um die Möglichkeit, Kinder zu bekommen oder nicht zu bekommen, sie in Sicherheit und Würde großzuziehen und Reproduktion unter gerechten Bedingungen ausgestalten zu können. Das schließt zum Beispiel ökonomische Absicherung, Zugang zu Gesundheitsversorgung, Schutz vor Diskriminierung und Gewalt sowie sichere und gerechte Infrastrukturen mit ein. Besonders wichtig ist dabei eine intersektionale Perspektive, die Mehrfachmarginalisierungen sichtbar macht.
Das in den deutschen Kontext zu übertragen, ist eine aktuelle und fortlaufende Aufgabe. Für uns war aber eben wichtig zu betonen, dass es bei feministischen Visionen um Reproduktion und Sorge um weit mehr als individuelle Ausgestaltungsmöglichkeiten für ohnehin schon Privilegierte gehen muss. Deswegen reicht es auch nicht, etwa Fragen rund um Kinderwunsch und assistierte Reproduktion rein auf der rechtlichen Ebene zu betrachten. Man muss auch fragen: Wer kann solche Möglichkeiten überhaupt nutzen, wer hat beispielsweise überhaupt die finanziellen Möglichkeiten? Wem nützen die Legalisierung und Verbreitung solcher Technologien, und wem schaden sie? Und was für Normen und Werte von Familie werden so gefestigt?
Neben Panels und Workshops legt ihr großen Wert auf Vernetzungsformate. Warum?
Weil politische Veränderungen nicht nur durch Debatten, sondern auch durch Beziehungen entstehen.
Viele Menschen, die sich mit Reproduktion und Care beschäftigen – Eltern, Pflegende, Aktivist*innen –, sind oft isoliert oder überlastet.
Reproductive Futures sollte ein Ort sein, an dem Austausch, gegenseitige Unterstützung und neue Allianzen möglich werden.
Was wünscht du dir, dass die Teilnehmenden vom Festival mitnehmen?
Idealerweise gehen die Menschen mit neuen Perspektiven, konkreten Kontakten und dem Gefühl nach Hause, nicht allein zu sein. Reproduktive Zukünfte lassen sich nicht individuell „lösen“ – sie müssen gemeinsam erkämpft und gestaltet werden. Wenn Reproductive Futures dazu beiträgt, Vorstellungskraft und Mut zu stärken und vielleicht auch den ein oder anderen konkreten Ansatzpunkt präsentieren konnte, dann hat das Projekt viel erreicht.